Ratgeber · Produktion
Konzeptalbum mit KI: von der Recherche zum Booklet
Ein Konzeptalbum ist das Gegenteil dessen, wofür Musik-Generatoren gebaut sind: Sie liefern einzelne Songs, schnell und unverbunden. Ein Album, das eine Geschichte erzählt, entsteht deshalb nicht im Generator, sondern davor und danach. Wir haben zwei davon gemacht – eines über die Wikingerzeit, eines über Al-Andalus. Das ist der Ablauf, der beim zweiten Mal deutlich schneller ging.
1. Das Thema in Figuren zerlegen
Ein Thema wie „537 Jahre maurisches Spanien“ ist kein Song. Zwölf Menschen, die diese Zeit erlebt haben, sind zwölf Songs: der Feldherr am Tag der Überfahrt, der Musiker am Hof, die Dichterin, der Philosoph, der letzte König beim Abschied. Jede Figur bekommt eine Perspektive, ein Jahr und ein Gefühl. Das ist die Tracklist – bevor eine Zeile Text existiert.
Warum Figuren und nicht Ereignisse: Ereignisse werden zu Geschichtsunterricht. Figuren werden zu Liedern, weil Lieder in der ersten Person funktionieren.
2. Rechercheblatt vor dem ersten Prompt
Pro Figur eine Seite: Wer war sie, was ist belegt, was ist Legende, welche Orte, welche Gegenstände, welche Wörter gehören in ihre Welt. Die Generatoren wissen erstaunlich viel, aber sie erfinden ebenso selbstverständlich – ohne Rechercheblatt landet ein Instrument im Text, das es 300 Jahre später erst gab. Das Blatt ist auch die Quelle für das Booklet, also keine verlorene Zeit.
3. Stilvorgaben je Titel, nicht je Album
Ein Album braucht einen gemeinsamen Klang und zwölf verschiedene Songs. Beides erreicht man mit zwei Ebenen von Vorgaben:
- Albumweit: Tonmaterial (für Al-Andalus phrygisch-dominante Skalen, für die Wikinger Dorisch und Bordun), Instrumentenpalette, Sprache, Stimmcharakter.
- Je Titel: Tempo, Stimmung, ein Leitinstrument, eine Form (Ballade, Marsch, Tanz, Klage). Die Variation liegt hier – nicht im Grundklang.
Diese Vorgaben stehen vor dem Text im Prompt und ändern sich im Album nur dort, wo die Dramaturgie es will.
4. Texte: kurz, konkret, singbar
Historische Texte verführen zu langen Zeilen und Fremdwörtern. Beides scheitert im Generator: Die Silben werden verschluckt, die Namen verstümmelt. Was funktioniert: kurze Zeilen, klare Vokale am Zeilenende, Eigennamen höchstens einmal pro Strophe und nur die, die in der Zielsprache aussprechbar sind. Pro Song mehrere Durchläufe; der beste wird nicht der erste sein.
5. Tracklist als Dramaturgie
Die chronologische Reihenfolge ist der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis. Ein Album braucht einen Eröffnungssong mit Zug, einen Mittelteil mit Wechsel von laut und leise, einen Höhepunkt um Titel acht bis zehn und einen Abschluss, der leise ausgeht. Wenn die Chronologie das nicht hergibt, darf sie weichen – ein Rückblick als letzter Titel erklärt sich von selbst.
6. Das Booklet: der Teil, den Hörer behalten
Bei einem KI-Album ist das Booklet das, was kein Generator liefern kann: der Kontext. Pro Song eine Seite mit der Figur, dem Jahr, drei Absätzen Geschichte und dem vollständigen Text; dazu Karte, Zeitstrahl und ein Vorwort, das ehrlich sagt, wie das Album entstanden ist. Zweisprachig, wenn die Musik zweisprachig gehört wird. Als PDF auf der Webseite, als Bildergalerie fürs Handy. Das Booklet ist der Grund, warum ein Hörer das Album als Werk wahrnimmt und nicht als zwölf Dateien.
7. Artwork aus derselben Welt
Cover und Illustrationen je Titel entstehen aus dem Rechercheblatt: dieselben Orte, Gegenstände und Lichtstimmungen, die im Text vorkommen. Eine Farbwelt für das Album (bei Al-Andalus Terrakotta und Gold, bei den Wikingern Eisen und Nebel), die sich in Booklet, Canvas und Clips wiederholt.
Zeitaufwand, ehrlich
Recherche und Figuren: zwei bis drei Tage. Texte und Generierung: ein bis zwei Wochen, weil jeder Song mehrere Durchläufe braucht. Booklet und Artwork: eine Woche. Also rund vier Wochen für ein Album mit zwölf Titeln – mehr als zwölf Einzelsongs, aber ein Ergebnis, das Jahre hält.
Der Generator macht aus einem Prompt einen Song. Aus zwölf Songs ein Album zu machen, bleibt Handarbeit – und genau diese Handarbeit ist es, die Hörer hören.
Alle Ratgeber sind bewusst allgemein gehalten: welche Modelle und Werkzeuge bei dir laufen, hängt von deiner Hardware ab. Fragen oder Korrekturen? Schreib uns.